How to spend it _Yunnan —— Financial Times Germany

Click here to read original

Psst,die Schwarzen Stumpfnasen schlafen noch! Nichts rührt sich in den Bäumen, die wie furchige Riesen in den Himmel ragen. Die Luft ist dünn auf 3000 Metern, da braucht man seine Mittagsruhe. Der Wildhüter zeigt auf die Krone einer Kiefer. Ein Rascheln? Stille. Das Fernglas ist scharf gestellt. Dann raschelt es lauter, einmal, zweimal, und binnen wenigen Sekunden erwacht der Wald zum Leben. Schwarz-weiße Fellknäuel recken und strecken sich in schwindelnder Höhe, stürzen im Steilflug von den Wipfeln, weite Schwünge von Baum zu Baum, Gekreische und Geschüttel, Äste knacken, Füße landen, jetzt tobt die ganze Affenbande den Berg hinunter, Steinchen fliegen, Erde spritzt. Ein junges Männchen kommt auf drei, vier Meter heran. Der Atem stockt, bloß den Kleinen nicht erschrecken. Der starrt aus hellgrünen Augen frech zurück, rümpft die winzige Nase und verzieht die schlauchbootförmige rosa Schnauze zu einer Grimasse. Dann, zack, flitzt er zu seiner Großfamilie, ungefähr 50 Affen, die in einer Senke am Hang die Nusssträucher plündern.

Nur vier Hobbyfo-tografen aus Holland haben das Schauspiel im Baimang-Schneegebirge verfolgt. Der Ausläufer des Himalaja liegt abseits ausgetretener Touristenpfade. Man hielt sie für ausgestorben, die Stumpfnasen-im benachbarten Tibet und hier, in Yunnans nordwestlichen Hochwäldern, wurden sie wiederentdeckt. Rund 1500 leben in dem Naturschutzgebiet, dazu Nebelparder, Schneeleoparden und Goldgeier. Sie ziehen ihre Kreise noch weitgehend ungestört.

Der Rückweg durch das Reservat führt steil bergab. Am Eingang liegen Häuser des Lisu-Volkes. Massive Steinbauten, fast so groß wie bayerische Bauern-häuser, mit dicken Holztüren und kleinen Fenstern, an den Fassaden flattern bunte Gebetsfahnen. Schweine und Ziegen laufen frei umher, auf einem Feld bücken sich Frauen in roten und blauen, blumenbestickten Jacken. Die meisten von ihnen haben ihre Region noch nie verlassen. Auch He, diee Frmdenführerin, gehört der ethnischen Minderheit der Lisu an. Doch sie ist jung, spricht englisch und war schon in der 600 Kilometer entfernten Provinz-hauptstadt Kunming. Als die Holländer ihre Fototaschen an dem Feld vorbeischleppen, staunen die Bäuerinnen. He erklärt ihnen in der Sprache der Lisu, woher die Männer kommen. Eine Frau mit lilafarbenem Kopftuch sagt: „Von so weit her, um Urlaub zu machen? Bei uns?“

Die Holländer haben das Standardprogramm mit Großer Mauer und Verbotener Stadt schon absolviert, jetzt wollen sie das ursprüngliche China ent-decken. Yunnan, chinesisch für „südlich der Wolken“, wird von vielen Chinesen bis heute als Hinterland angesehen-das macht es attraktiv. Zehn Prozent größer als Deutschland, liegt es unterhalb des Tibetischen Plateaus mit Grenzen zu Vietnam, Laos und Myanmar. Die Heimat von 25 Minder-heiten ist ein Ereignis: Im Norden Gletschereis, im Süden Regenwald, ein von der Natur geschaffener botanischer Garten, in dem so viele Blumenarten blühen wie in der gesamten nördlichen Hemisphäre.Selten trifft man in China so entspannte Menschen. Wachstumswahn, globaler Wettbewerb? „Wieso, wir haben doch Sonne und genug zum Leben“, sagt He und offenen Getreide-und erzählt von den vielen malerischen Dörfern, deren Bewohner über unbefestigte Wege zu ihren Äckern gehen, ohne jemals eine Ampel zu sehen.

Ganz so malerisch ist Tacheng nicht. Zum dritten Mal kreist der Fahrer, Herr Li, durch den tristen Ort. Es dämmert, die Rollläden der Geschäfte sind heruntergelassen. „Hotel? Hier gibt es keine Hotels“, sagt ein vereinzelter Passant. Herr Li spricht in sein Mobiltelefon. Nach einer Weile kommt ein weißer Mercedes-Van und fährt voraus. Die letzten Kilometer führen über eine Schotterpiste durch Maisfelder, dann liegt plötzlich, sanft gebettet zwischen Vorposten des Baimang-Schneegebirges, die Songtsam-Lodge Tacheng da. Neben dem Natursteinhaus schwebt ein Infinity-Pool über Reisterrassen, drinnen schlurft man in handgenähten Stoffpantoffeln über polierte Holzböden, in der Stube brennt ein Feuer. Neun Zimmer hat die Lodge, die Gäste, ein französisches Paar und zwei Schweden, kommen in der Abgeschiedenheit schnell ins Gespräch: Was ist eure Route? Hat euer Fahrer hergefunden?
„Früher bin ich immer wieder an Grenzen gestoßen.“ Baima Dorje drückt es vorsichtig aus und meint: Er hatte die Nase voll von der Zensur. Der 48-Jährige hat zehn Jahre lang Dokumentarfilme für das Pekinger Staatsfernsehen gedreht, heute führt er das preisgekrönte Boutiquehotel Songtsam Retreat in Shangri-La mit vier ländlichen Zweigstellen wie der Lodge in Tacheng. „Wer nach Yunnan kommt, kommt auch nach Zhongdian alias Shangri-La“, erklärt Dorje. Die Großgemeinde Zhongdian im tibetisch geprägten Nordwesten von Yunnan wurde 2001 zur Förderung des Tourismus offiziell umbenannt; ihr neuer Name steht im Tibetischen sinngemäß für das Paradies. Geschadet hat es nicht. Die Altstadt mit ihren Töpfern und Lackkünstlern, das Kloster Songzanlin mit seinen Mönchen in braunen Kutten, die tibetischen Dörfer, die Naturparks, Schluchten und Flüsse-tatsächlich lässt kaum ein Yunnan-Besucher Shangri-La aus. Weshalb sich neben dem Songtsam auch das Banyan Tree mit kostspieligen 300-Quadratmeter-Suiten im Stil tibetischer Bauernhäuser behaupten kann. Wer dort morgens auf seinen geräumigen Holzbalkon tritt, blickt in ein stilles Tal, in dem Wolkenflocken über das Gras schleichen, und hört die Kuhglocken der schwarz-weißen Yakbüffel läuten.

180 Kilometer liegen zwischen Shangri-La und Lijiang. „Ich hoffe, Sie haben keinen schwachen Magen“, sagt Herr Li, wobei sein Englisch nicht halb so sehr holpert wie die Schlaglochpiste, die sich an steilen Schluchten entlang in Schlangenlinien gen Süden windet. Rechts der Abgrund, links die Gefahr von Gerölllawinen-nur Verrückte würden hier rasen. Herr Li ist nicht verrückt, die Tachonadel klebt auf der 30, sein Fuß auf der Bremse. Die Landschaft weitet sich, die Kiefern machen lichtgrünen Laubbäumen Platz, Reisterrassen erklimmen die Hänge. Das Wetter: wechselhaft. Erst gleißt die Sonne über dem löchrigen Asphalt, zwei Kurven später regnet es aus tiefgrauen Wolken. Kaum hat Herr Li die Scheibenwischer eingeschaltet, scheint die Sonne wieder. Die massiven Häuser der Lisu verschwinden, die Minderheit der Naxi lebt in Lehmhäusern mit geschwungenen Dächern und offenen Getreide-speichern. Am Fahrbahnrand breiten Bauern Chili-schoten zum Trocknen aus. Einen Traktor besitzt hier keiner, Motorräder nur die wenigsten, fast jeder erledigt sein Tagwerk zu Fuß. Meterhohe Strohballen schwanken die Straße entlang, ihre Träger sieht man erst beim Überholen. „Meine Eltern mussten noch über die Berge klettern, um ins nächste Tal zu kommen“, sagt Herr Li, „jetzt gibt es wenigstens diese Straße.“ Jahrhundertelang hätten die Menschen nur ihre Dörfer gekannt. Auch heute verstünden die meisten nur mit Schwierigkeiten den Dialekt, der zehn Kilometer weiter gesprochen werde.

Lijiang dagegen: Reisebusse, Leuchtreklamen, Popmusik! Seit die Altstadt in der Weltkulturerbe-liste der Unesco steht, ist Lijiang eine Freilicht­museum gewordene Topdestination. Geschwungene Dächer ragen in kopfsteingepflasterte Gassen,Steinbrücken wölben sich über Kanäle. Auch hier verwöhnt ein Banyan Tree die Gäste mit allem Kom­fort. Wie eine kaiserliche Hofanlage residiert das Hotel vor der Stadt, mit Gartenvillen hinter hohen Mauern und Jacuzzis unterm Sternenhimmel.

Ein Stück weiter westlich wartet Lily Zhang mit einem charmanten Gegenprogramm und einem Lächeln auf. Vor zehn Jahren hatte sie ihren Naxi­Nachbarn eine Geschäftsidee vorgestellt: Fremde in die eigenen Bauernhäuser einladen. Kaum einer glaubte anfangs an das Modell. „Wir Einheimischen vergessen oft, wie schön es hier ist“, sagt sie, als ihre Mutter den Hof betritt und einen schweren Korb mit Kohl vom Rücken schnallt. Eine Viertelstunde später tischt die winzige alte Frau unter einem Pflaumenbaum scharfen Farnsalat, Süßkartoffelnudeln und selbst geräucherten Schinken auf. Erstklassige Hausmannskost, 100 Prozent biologisch, denn die Naxi bestellen ihre Felder wie ihre Vorfahren-von Hand, ohne chemische Dünger und Pestizide. Rund 500 Gäste im Jahr betreut Lily mittlerweile mit ihrer Miniagentur Xintuo Ecotourism. Nicht viel, aber genug, um ein Zehntel vom Verdienst für ein Naturschutz projekt abzuzweigen und mit dem Rest das Einkommen von 24 Bauernfamilien aufzubessern, die auf ihren Höfen schlichte, saubere Unterkünfte anbieten. Lily führt die Fremden auf Wochen­märkte und verborgene Wanderwege oder radelt mit ihnen zum Vogelspähen an den Lashi­See, ihre Mutter kocht und richtet das Gästezimmer neben dem Maisspeicher her. Heute wartet nach der Fahrradtour im Nachbarhof ein Berg Mais auf helfende Hände. Schnell sind die Blätter von den Kolben gerupft, danach bleiben die beiden Familien am Feuer sitzen und erzählen dem Besucher von der letzten Flut und komischen Zwischenfällen mit ausländischen Gästen. Erst als die Glut verglimmt, gehen alle ins Bett.

Wieder führt der Weg nach Süden. Die Straßen holpern jetzt weniger als das Englisch von Herrn Li. Nach drei Stunden parkt der Familienvater den Toyota vor einem modernen dreistöckigen Ateliergebäude am Wasser. Nach vorn reicht der Blick kilometerweit über die Spiegelfläche des „ohrförmigen Sees“ Er Hai, hinten erhebt sich mit 19 Gipfeln der 4000 Meter hohe Cangshan. Die Szenerie erinnert an den Zürcher See, im Sommer gleiten Segelboote übers Wasser, im Winter fahren Urlauber auf den Hängen Ski. Dem Künstler Han Hsiang­ning gefällt ein anderer Vergleich: Die alte Königsstadt Dali sei „wie ein kleines New York“. Viele Kollegen haben es ihm gleichgetan und Studios hier eröffnet, sie kom­men aus dem Pekinger Galerienviertel 798, ein Illus­trator ist aus Kopenhagen hergezogen, eine Musikerin aus Frankreich. Han wird bald 73 und sieht 20 Jahre jünger aus, wie eine Mischung aus Konfuzius und Punk. Alles an ihm ist erfrischend eigenwillig, der kurze Irokesenschnitt, die John­Lennon­Brille, die roten Hosenträger. Während er eine klassische Teezeremonie vorbe­reitet, erzählt er, wie er 30 Jahre lang in einem Fabrikloft in Soho lebte, sich in der Kunstwelt mit Pointillismus aus der Sprühpistole einen Namen machte, Partys feierte mit Warhol, Lichtenstein und de Kooning-und schließlich nach Dali zog. Die Stadt rühmt sich ihrer Kunstprominenz, doch Querköpfe wie Han sind ihr auch suspekt. Als er vor Kurzem einen seiner Kunststudenten dabei filmte, wie er halb nackt und schlammverschmiert in Zeitlupe durch die Fußgängerzone ging, schritt die Polizei ein. Nach langwierigen Telefonaten mit der Stadtverwaltung über den Zweck und die Mittel von Kunst wurde der Fall zu den Akten gelegt. „Kunst muss frei sein“, sagt Han, gerade im ängstlichen China. Aber dass einer wie er, dessen Vater als Mitglied der republikanischen Kuomintang­Partei vor den Kommunisten nach Taiwan flüchtete, heute als Aus­hängeschild der Stadt gilt und in der deutschen Bäckerei mit seinen Studenten italienischen Cappuccino trinken kann, „ist das nicht ein kleines Wunder?“

In die Talebene des ohrförmigen Er Hai schmiegt sich das verschlafene Xizhou, einst bedeutendes Handelszentrum der Region. 200 historische Residenzen aus der Qing­Dynastie (1644-1911) sind hier sehr gut erhalten, eine Seltenheit in China. Brian Linden, Amerikaner aus Chicago, hat eine solche Residenz aufpoliert. Der frühere Sitz einer Seiden­händlerfamilie heißt nun Linden Centre und gilt als eines der besten Hotels in China. Man meint in ihm das Filmset von Ang Lees „Tiger and Dragon“ wieder­zuerkennen: quadratische Innenhöfe, geschwungene Tore, bemalte Stützpfeiler und heller Marmor, Dächer aus himmelwärts gewölbten Ziegeln. Linden, ein hochgewachsener Endvierziger, spricht fließend Chinesisch und grüßt jeden Bauern auf dem Freitags­markt mit einem herzlichen „Ni hao“. Die Stände quellen über von Blumen, Gemüse, Obst, Nüssen, Gewürzen. Frischer Tofu dampft milchig aus Holzbottichen, junge Frauen aus dem Bai­Volk flechten bunte Bastkörbe, ein Verkäufer preist lauthals getrockneten Fisch, zappelnde Frösche und traurig dreinblickende Kaninchen an. Am Rand des Markt-platzes betritt Linden seinen Lieblingsimbiss. Er nimmt auf einem winzigen Holzhocker an einem Plastiktisch Platz, bestellt scharfe Nudelsuppe mit geschmortem Rind und Minze und tippt Nachrichten in sein Mobiltelefon. Als Herr Zhou, der Besitzer, die dampfenden Schüsseln bringt, ruft er in einem Ton, der keine Widerrede duldet: „Handy weg, esgibt Essen!“ Linden lacht und sagt: „Das ist das China, in das ich mich verliebt habe.“ In seiner Stimme schwingt der Anflug einer Sorge mit: Wie lange die­ses China wohl noch existieren wird?

————————————————————————————————–

charmantes Programm

Linden Centre in Xizhou,

www.linden­centre.com

 

 

 
Share on Google+

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *